Where To Start (4) – Falsche Motive

Man sieht sich selber so oft im Spiegel. Man merkt selbst nicht, wie sehr man sich im Laufe der Zeit verändert. Man sieht oft nicht, wie gut einem ein besonderes Outfit steht, wie toll die Haare mal aussehen, was für schöne Augen man hat. Was man aber immer sieht, sind die Makel, die man hat. Die, die sonst keiner sieht. Man sieht den Speck am Bauch, die Cellulite am Po, die Dehnungsstreifen an den Beinen.

Viel zu oft werfen wir uns selbst Schimpfwörter an den Kopf, verfluchen unseren Körper. Wir sind unzufrieden mit uns selber. Das hat viele Gründe: vielleicht weil unsere Vorbilder „besser aussehen“ als wir, vielleicht weil jemand anderer eine blöde Bemerkung gemacht hat. Vielleicht aber auch, weil wir ständig Druck von außen bekommen, ein bestimmtes Körperideal erfüllen zu müssen. Schlanker Körper, straffe Haut, vielleicht sogar noch eine Lücke zwischen den Oberschenkeln („Thigh Gap“) – wenn wir das nicht haben, passen wir nicht in die Norm.

Jeder spricht ständig davon, dass er wieder mal eine Diät machen müsse oder dass er dringend vor dem Sommer das Fett am Bauch loswerden müsse. Viele tun das dann auch. Radikale Ernährungsumstellungen, ein extrem hohes Sportpensum und/oder Nulldiäten dienen dann oft als Mittel zum Zweck.

Ich hab es nicht anders gemacht. Ich habe mich mein ganzes Leben lang nie in meinem Körper wohlgefühlt, seit der Grundschule habe ich meinen Körper im Spiegel kritisch betrachtet, und je älter ich wurde, umso schlimmer wurde es. Grund dafür waren sowohl Einflüsse von außen (Kinder können ganz schön gemein sein) als auch mein sowieso schon schwaches Selbstbewusstsein. So kam es, dass ich dann mit 17 beschloss, 10 Kilo abzunehmen – anfangs sogar noch, indem ich mich einfach nur gesund ernährte und anfing, zu laufen. Was ja im Grunde gesund war. Leider begann ich dann, immer weniger zu essen, bis ich irgendwann nur noch etwa 800 Kalorien pro Tag aß (zum Vergleich: ein Kleinkind hat einen täglichen Energiebedarf von etwa 1200 Kalorien), dennoch aber Sport betrieb und eine Zeit lang sogar einen körperlich sehr anstrengenden Job hatte.

Alles nur, weil ich dünn sein wollte. Und als ich dann dünn war, wollte ich noch dünner sein. Anfangs wollte ich mich nur in meinem Körper wohlfühlen und gesund sein – aber egal, wie dünn ich geworden bin, ich wurde nicht glücklich, im Gegenteil.

Was ich damit sagen will – natürlich ist es vollkommen in Ordnung, gesünder und fitter sein zu wollen. Im Grunde ist das die beste Motivation, um sein Leben zu verändern. Ein großer Fehler ist aber das Umstellen von Ernährung und Sportgewohnheiten, wenn ihr es aufgrund der falschen Motive macht. Dünn sein, so aussehen wie jemand anderer, jemandem gefallen wollen, weil es gerade modern ist – wenn das eure Gründe sind, dann lasst es lieber von Anfang an bleiben.

Where to Start 4

Wie kann ich das vermeiden?

Es ist nichts falsches daran, die beste Version euer Selbst sein zu wollen. Sich selbst immer verbessern zu wollen ist eine großartige Motivation, vor allem für den Sport. Aber: wenn ihr euren Körper „dick“ nicht liebt, werdet ihr ihn „dünn“ nicht besser finden – und zusätzlich werdet ihr wohl auch noch unglücklich sein, weil eure Beziehung zum Essen wahnsinnig darunter leidet.

Versucht, passendere Motive zu finden, euer Leben zu verändern. Schlechtere Motive sind zum Beispiel aussehen zu wollen wie jemand anderer, jemanden gefallen wollen, „dünn sein“, im Bikini „gut aussehen“, „Bauchmuskeln sehen“.

Bessere können zum Beispiel sein:

  • einen gesunden Lebensstil führen (und somit Präventionsarbeit für euer späteres Leben zu leisten)
  • ein bestimmtes Sportziel: vielleicht ein Halbmarathon, ein bestimmter Wettkampf, oder falls ihr Kraftsport machen möchtet, ein gewisses Kraftziel (zB Kniebeugen mit 100kg)
  • mehr Ausdauer: ihr schnauft schon, wenn ihr ein paar Treppen hinaufgeht? Ausdauersport ist die Lösung
  • schönere Haut, Haare und Nägel (durch die gesunde Ernährung)
  • mehr Energie und Leistungsfähigkeit: die richtigen Lebensmittel (und genug davon) zu essen, hilft euch, euch fitter zu fühlen

Solltet ihr extrem übergewichtig sein, macht natürlich ein Wunschgewicht und das spezifische Ziel „Abnehmen“ Sinn (was aber keine Nulldiät rechtfertigt!). Befindet euer Gewicht sich aber im Normalbereich, macht es keinen Sinn über das Abnehmen nachzudenken – ernährt euch ausgewogen, treibt regelmäßig Sport und euer Gewicht wird sich  mit der Zeit dort einpendeln, wo es für euren Körper natürlich ist. Um mich als Beispiel zu nennen: Es wäre unrealistisch, von meinem Körper erwarten zu wollen, dass er 50 Kilogramm hat und ich dabei gleichzeitig gesund und leistungsfähig bin – deshalb mache ich es nicht! So ein Denken würde mich mit der Zeit verrückt machen, weil ich dort nie hinkommen werde.

Ein gesunder Lebensstil ohne eine ebenso gesunde Beziehung zu eurem Körper macht euch nie glücklich – dabei ist es egal, ob ihr 10 Kilo mehr oder weniger wiegt. Selbstakzeptanz, vor allem gegenüber eurem Körper, beinhaltet einerseits Selbstliebe und andererseits auch, euren Körper so zu behandeln, wie er es verdient hat – gesunde, ausgewogene Ernährung, ein wenig Sport und eine gute Beziehung zu euch selber sind die Grundlage dafür. Treibt Sport und ernährt euch gesund, weil ihr euren Körper liebt. Nicht, weil ihr ihn hasst.

Where To Start 4 (2)

 

Am 5. Juni kommt der fünfte und letzte Teil der „Where To Start“-Reihe. Ich habe einen kompletten Anfänger-Guide für euch –  wo fange ich mit der Ernährung an und wie beginne ich mit dem Sport? Stay tuned! 🙂

4 Kommentare

  1. […] einmal zu wollen, woher ihr eure Information nehmen könnt, und warum die falschen Vorbilder und Motive euch auf lange Zeit nur frustrieren. Jetzt wisst ihr aber wahrscheinlich immer noch nicht, wo ihr […]

  2. […] nächsten Teil der Reihe „Where To Start?“ geht es um falsche Motive, und welche Auswirkungen diese haben […]

  3. Wow, deine Artikel sind wirklich gut, vielen Dank! Mach weiter so! 🙂

    1. Hallo Sarah!
      ooooh, danke für die netten Worte! Das freut mich wahnsinnig! <3
      Liebe Grüße!

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